Eine kleine Kulturgeschichte des ägäischen Raums

von Helmut Brand

 

 

Geographie

Das griechische Kernland läßt sich in folgende Gebiete einteilen:

  • Festland (Attika, Böotien, Chalkidike, Thessalien, Makedonien, Peloponnes mit Achaia, Arkadien, Messenien, Lakonien, Argolis)
  • Ägäische Inseln, wichtig: Kykladische Inseln rund um Delos als Zentrum (von Kyklos = Kreis)
  • Kleinasiatische Küste (ionischer Siedlungsraum)
  • Kreta
  • Zypern (schon im Altertum Schmelzpunkt der verschiedenen Kulturen)

Die griechische Landschaft ist durchwegs zerklüftet, was die Entwicklung eigenständiger Kulturlandschaften begünstigt. Die höchste Erhebung ist der Olymp mit 2900 m, der von den Griechen als Sitz der Götter angesehen wurden. Daher bezeichnet man die 12 Hauptgötter als die olympischen Götter.

Kulturgeschichte

Die früheste Hochkultur im ägäischen Raum entstand im 3. Jt. V. Chr. (also am Übergang vom Endneolithikum zur Bronzezeit) im Bereich der kykladischen Inseln, daher sprechen wir von der sog. Kykladenkultur. Sie war geprägt durch großformatige Marmorplastik. Darunter fanden sich zehn Harfenisten, zwei Syrinxspieler (Syrinx = Panflöte) und ein Doppelaulosspieler. Die Insel waren reich an Marmorvorkommen und während der gesamten Antike berühmt für ihren qualitätvollen Marmor (v.a. Paros, Naxos, Delos).

Minoisch-mykenischer Kulturkreis

Die Bronzezeit auf dem griechischen Festland und auf Kreta wird eingeteilt in früh-, mittel, und späthelladisch bzw. für Kreta –minoisch I-III, wobei sich die einzelnen Perioden zeitlich ungefähr entsprechen.

Absolute Werte:

Frühminoisch

2800-2000 v. Chr.

Frühhelladisch

2500-1900 v. Chr.

Mittelminoisch

2000-1550 v. Chr.

Mittelhelladisch

1900-1580 v. Chr.

Spätminoisch

1550-1100 v. Chr.

Spätmykenisch

1580-1100 v. Chr.

Die absolute Chronologie wird aber immer wieder diskutiert, v.a. aufgrund neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wie z.B. der Grönland-Eisbohrung, wodurch der Ausbruch des Vulkans auf Thera – ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte des Raumes, bei der die halbe Insel (heute Santorin) weggesprengt wurde, um mehr als 100 Jahre vordatiert werden muß (früher 1480, jetzt ~1620 datiert).

Kreta

Die Kultur auf Kreta war geprägt durch die Zeit der sog. Älteren Paläste (MM I-II) und nach einer Zerstörungsphase durch die sog. Jüngeren Paläste (MM III- SMII-III). Bekannt sind vor allem Knossos, Phaistos mit dem Nebenpalast Hagia Triada, Malia und Zakros. Die Kreter waren ein friedliches, Wirtschaft treibendes Volk, wie etwa jüngere Funde minoischer Wandmalereien in Ägypten belegen. Die Bezeichnung minoisch leiete sich von dem sagenhaften König Minos her, wie sich die Kreter selbst nannten, ist ebenso unbekannt, wie ihre Sprachzugehörigkeit (und somit ihre ehtnische Zugehörigkeit, sie waren sicher keine Griechen). Das Kreta des 2. Jt. Besaß eine hochstehende Kultur, v.a. im Bereich der Kunst, berühmt sind vor allem die Fresken, die hochstehende Töpferkunst (z. B. den Kalamaresstil [Meeressti]l) und die (Klein-)Plastik, aber auch im Bereich der Architektur. Der Palast von Knossos besaß z. B. ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem).

Die Paläste waren, ganz im Gegensatz zu den gleichzeitigen auf dem griechischen Festland, alle unbefestigt, was auf einen friedlichen Charakter hinweist. Dazu passen die überlieferten Festlichkeiten, besonders berühmt sind die Stierspringerfreskos, bei denen auch Frauen teilnehmen durften. Bachofen hat schon im 19. Jh. auf die zwar nicht matriarchalisch, aber sicher matrilinear geprägte minoische Kultur hingewiesen in der Frauen eine hohe soziale Stellung, unter anderem auch in der Kultausübung, besaßen.

Um 1700 wurden die älteren Paläste (größter: Phaistos) wahrscheinlich durch eine Naturkatastrophe zerstört und wieder aufgebaut. Der größte der jüngeren Paläste ist der in Knossos, dessen zugehörige Siedlung auf 30000 Einwohner geschätzt wird. (à Ende?). Knossos hatte in der Spätzeit wohl Kontrolle über die ganze Insel.

Festland

Auf dem griechischen Festland drangen ~2200/2000 v. Chr. griechisch sprechende Stämme ein, die sich mit den einheimischen Stämmen vermischten und ihnen ihre Sprache vermittelten. Ab der SH-Zeit spricht man von mykenischer Kultur, benannt nach dem Fundort/Palast Mykene. Die größten, z. T. extrem befestigten Paläste waren Mykene, Tiryns und (unbefestigt) Pylos, weiter Theben, Athen. Ab dem Übergang MH/SH übernahmen das Festland zunehmend Einflüße aus der minoischen Kultur (Gründe unklar: kriegerische Auseinandersetzung oder Handel). Die frühesten Belege sind der ältere Grabkreis B in Mykene mit seinen prachtvollen Beigaben. Typisch für die mykenische Grabsitte waren die großen (Tholos-) Kuppelgräber, die es auf Kreta nicht gab.

Schrift

Im minoisch-mykenischen Kulturraum gab es drei Schriftsysteme: Die (ältere) Linear A und die gleichzeitig verwendete Hieroglyphenschrift auf Kreta und die jüngere, im gesamten Raum verwendete Linear-B Schrift. Während die älteren Schriften unentziffert sind – der berühmteste Schriftträger ist der Diskos von Phaistos mit über 100, nicht ernst zu nehmenden Übersetzungsversuchen -, gelang Chadwick 1952 die Entzifferung der Linear-B Schrift, indem er davon ausging, daß sie eine frühe Form des Griechischen sei. Die Herkunft der kretischen Sprache ist immer noch ungeklärt. Die Tontafelarchive, deren größte Archive in Pylos und Knossos gefunden wurden, bestanden aus Wirtschafts- und Verwaltungstexten, geben aber auch einen Einblick in die frühgriechische Religion und Götterwelt (belegt sind z. B. Athena = a-ta-na, Hermes = e-ma-a2).

 

Das sog. 'Dunkle Zeitalter' und die geometrische Zeit

Gegen 1200/1150 gingen innerhalb weniger Jahrzehnte alle großen Machtzentren unter. Gleichzeitig ging auch das Hethiterrreich zugrunde. Die Hintergründer dieser Katastrophe(n) liegen im Dunkeln. Als Ursache werden allgemein große Wanderbewegungen angenommen. Ägyptische Texte erwähnen das Auftauchen sog. Seevölker im östlichen Mittelmeerraum. Diese Migration setzte im 13. Jh. v. Chr. ein und zog sich über 3 Jh. hin. Manche Siedlungen wurden aufgegeben, manche auf niedrigem Niveau weiterbesiedelt. Als letzte der griechischen Stämme wanderten die Dorer im Nordwesten Griechenlands und in die Peloponnes ein. An der kleinasiatischen Küste siedelten v.a. ionische Stämme, daher spricht man hier von ionischem Siedlungsgebiet. Man nennt die Zeit nach dem Untergang der minoisch-mykenischen  Kultur das dunkle Zeitalter, wenngleich die neuere Forschung allmählich Licht in dieses Dunkel zu bringen vermag. Die Kunst des 10.-8. Jh. v. Chr. nennt man wegen der Ornamente geometrische Kunst. Typische Merkmale sind geometrische Muster, Mäander und Hakenkreuze.

 

 

Danach folgte die orientalisierende Phase mit der Übernahme orientalischer Motive in die griechische Formensprache.

Im 8. Jh. übernahmen die Griechen von den Phöniziern das Alphabet (anfangs linksläufig oder boustrophedon geschrieben) mit 21 Buchstaben. Die Etrusker adaptierten das System und erweiterten es auf 26 Buchstaben. Die Römer entwickelten daraus die noch immer gebräuchliche lateinische Schrift. 

 

Im 8-7. Jh. wurden mit den homerischen Epen die erste europäische Literatur schriftlich fixiert, in denen (in der Ilias) mit Phemios und Demodokos die ersten namentlich faßbaren europäischen Musikanten benannt werden. Von ca. 700 bis 500 v. Chr. entwickelte sich aus der bei Homer beschriebenen Adelsgesellschaft die für das Griechenland charakteristische Form der Stadtstaaten heran, der sog. poleis. Mit 776 werden mit den ersten Olympischen Spielen der früheste historisch fixierte Datum in Europa überliefert. Mit Terpander von Lesbos, dem Sieger der Karneen 676 (= spartanisches Fest zu Ehren des alten Fruchtbarkeitsgottes Karneios) ist uns die erste historisch faßbare Musiker überliefert. Ihm werden zahlreiche Neuerungen wie die Erfindung der 7-saitigen Leier zugeschrieben. Eine Schreibe aus Smyrna (heutiges Izmir) belegt jedoch die Siebensaitigkeit bereits um 700 v. Chr. (bereits die Leiern des 2. Jt. V. Chr. hatten sieben Saiten). 

Die archaische und die klassische Zeit

 Im 7. Jh. begannen die Griechen mit der Kolonisation im gesamten Mittelmeerraum, v. a. in Unteritalien und Sizilien, (= Magna Graecia), aber auch bis nach Frankreich (Massilia), Spanien und zum Schwarzen Meer. Die Kolonisation ging von Mutterstädten aus, die den Tochterstädten Gebräuche, Kunst und Hauptgottheiten mitgaben. Die Epoche dieser Zeit (700-500) wurde schon im Altertum als archaisch bezeichnet. Wichtige Kunstzentren waren Athen, Korinth und Sparta. In diese Zeit fällt eine erste Hochblüte der griechischen Kunst, vor allem im Bereich der Großplastik und der (schwarzfigurigen Vasenmalerei). Diese Vasen wurden im gesamten Mittelmeerraum, vor allem aber nach Etrurien verhandelt und gelangten teilweise bis nach Mitteleuropa (z. B. wurden attisch-schwarzfigurige Scherben auf der Festung Marienberg in Würzburg gefunden). 

Gegen 525, nach dem die schwarzfigurige Vasenmalerei ihren Höhepunkt überschritten hatte, erfanden Pioniere im Kerameikos, dem Töpferviertel Athens die rotfigurige Vasenmalerei, bei der die Figuren ausgespaart sind. Berühmt waren im 6. Jh. vor allem die teils überlebensgroßen Grabstatuen von idealisierten jungen Männern und Mädchen (kouroi und korai). Typisch ist das sog. archaische Lächeln mit den nach oben gezogenen Mundwinkeln. Politisch geprägt (in Athen) wurde das 6. Jh. von den sog. Tyrannen. Damit einher ging eine  Zeit des wirtschaftlichen Aufschwung. 500 v. Chr. wurde die Tyrannis abgeschafft und die sog. Demokratie eingeführt, die allen modernen Demokratien als Vorbild diente.

Ein einschneidendes Ereignis im späten 6. und frühen 5. Jh. waren die zunehmenden Konflikte mit den Persern, nachdem man vorher anscheinend in friedlicher Co-Existenz gelebt hatte. In der 2. H. des 6. Jh. hatte das persische Reich seinen Einfluß auf die ionischen Städte Kleinasiens ausgedehnt. Ausgelöst wurden die Auseinandersetzungen durch den Ionischen Aufstand.

Den Griechen gelang es unter Aufbietung aller Kräfte, die Perser 490 bei Marathon zu schlagen. 10 Jahre später fielen die Perser erneut in Griechenland ein und zerstörten u. a. Athen. Entscheidend für den Kriegsausgang war die Seeschlacht bei Salamis, die die Griechen aufgrund einer von Themistokles aufgebauten modernen Flotte mit kleinen wendigen Trieren gewannen. Der Wiederaufbau Athens markiert den Übergang von der Archaik zur Klassik. Ältere Kunstwerke wurden vergraben oder in die Stadtmauer verbaut. Der sog. Perserschutt bildet einen wichtigen terminus ante quem für die Archäologie (d.h. alle Objekte aus diesem Schutt sind vor 480 v. Chr. zu datieren). Die folgenden Jahrzehnte nach den Perserkriegen gingen einher mit einem Aufblühen der Kunst. Das archaische Lächeln verschwindet und weicht einem strengerem Ausdruck, daher heißt die erste Phase der Klassik strenger Stil.

In Kleinasien gingen die Auseinandersetzungen mit den Persern weiter und endeten im sog. Kallisfrieden 448. Dieser ermöglichte den Ausbau der Athener Akropolis mit dem Tempel der Athena Parthenos, an dem die führenden Architekten und Bildhauer ihrer Zeit beteiligt waren. Der Bau der Akropolis markiert einen wichtigen Übergang zur Hochklassik.

 

Ab der Mitte des 5. Jh. entwickelt sich aus dem Dualismus Sparta Athen Spannungen, die im Peloponnesischen Krieg gipfelten (431-405), aus dem Sparta am Ende als Sieger hervorging. Trotz dieser kriegerischen Auseinandersetzungen blieb die Kunst in Athen auf hohem Niveau, die Kunst dieser Epoche nennt man Reichen Stil. In diese Zeit fällt das Auftreten großer Komödiendichter wie Aristophanes und Sophokles und der Bau des Athena Nike Tempels auf der Athener Akropolis. Im 4. Jh., das geprägt war durch unzählige kriegerische Auseinandersetzungen, verlor Athen an politischer Bedeutung. Zugleich brachte das 4. Jh. aber Kunst auf hohem Niveau hervor mit berühmten Bildhauern wie Skopas, Praxiteles und Leochares und Timotheos. Zugleich entstanden die ersten Philosophenschulen und mit ihnen Werke, die grundlegend für die Philosophie der Neuzeit sind. 385 gründete Platon die Akademie in Athen, zu seinen berühmtesten Schülern zählte Aristoteles, der Lehrer Alexander des Großen.

 

Die hellenistische Staatenwelt

Das 4. Jh. war geprägt durch das Vordringen Makedoniens unter Philip I. Sein Sohn Alexander der Große errichtete mit seinen bis Indien führenden Feldzügen ein Weltreich. Nach seinem frühen Tod zerfiel das Reich in die Diadochenreiche (Ptolemäer, Seleukiden, Makedonien). Den Zeitpunkt vom Tode Alexander bis zum Ende des Ptolemäerreiches nennt man Hellenismus. Diese Zeit ist geprägt durch ein hohes kulturelles und gesellschaftliches Niveau. Die Plastik wurde in den Raum ausgreifend und rundansichtig (das berühmteste Kunstwerk ist der Fries vom Pergamonaltar). Es entstanden große Bibliotheken, die das gesamte Wissen der damaligen Zeit aufbewahrten. In den Naturwissenschaften gelangten neue Erkenntnisse wie die Entdeckung der Kugelgestalt und der Umfang der Erde sowie die heliozentrische Weltansicht (Aristarch). Im 2. und 1. Jh. v. Chr. gewann Rom immer mehr Einfluß im Mittelmeerraum, so fiel 133 v. Chr. Pergamon (gewaltfrei) unter römische Herrschaft. Mit dem Sieg Augustus 31 v. Chr. bei Aktium endet die Zeit des Hellenismus, nicht jedoch die griechische Kultur. Diese lebte bis zum Untergang des Römischen Reiches am Ende des 5. Jh. n. Chr. fort.

 

 

Letzte Aktualisierung am 7.6.2013

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