Altgriechische MusikinstrumenteEin kurzer Überblickvon Helmut BrandDiese Seite vermittelt einen Überblick über die Entwicklung der griechischen Musikinstrumente von den Anfängen im 3. Jt. v. Chr. bis zur griechischen Klassik. Inhalt:
Die Kykladenzeit, das Erwachen Europas am Ende des NeolithikumsDie frühesten Musikinstrumente im ägäischen Raum und somit in Europa stammen aus der Zeit der sogenannten Kykladenkultur (ca. 3. Jt. v. Chr.), welche besonders durch ihre für diese frühe Zeit sehr hochwertige Marmorplastik bekannt ist. Erhalten sind zehn Harfenspielern, drei Syrinxspieler und ein Doppelaulosspieler, wobei die Authentizität zumindest bei einigen Harfenspielern umstritten ist.
Harfenspieler
Neben der Harfe sind noch zwei Aerophone aus der Zeit der Kykladenkultur überliefert: die Syrinx (= Panflöte) und der Doppelaulos (= Doppeloboe/klarinette). Desweiteren sind uns drei kykladische Marmorstatuetten von Syrinxspielern überliefert. Die Syrinx hatte als ein einfach herzustellendes Instrument immer seinen Platz bei den einfachen Leuten und besonders bei den Hirten, die sich damit ihre Zeit vertrieben. Als Material kommt Schilf, Ton oder auch Stein in Betracht. Da die Instrumente alle eine rechteckige Form aufweisen, wurde die unterschiedlichen Tonhöhen durch Auffüllen mit Wachs erreicht. Interessanterweise wird die Syrinx nach der Zeit der Kykladenkultur bis gegen 600 v. Chr. nicht mehr dargestellt, die früheste literarische Erwähnung findet sich bei Homer, Ilias X 13 und XVIII 526. Später wird sie das Instrument des Hirtengottes Pan, von dem das Instrument seinen Namen hat. Erhalten hat sich ein stehender Musikant, der ein
Doppelblasinstrument
spielt. Für dieses während der gesamten klassischen Antike
paarweise
gespielte Instrument wird später der Begriff Doppelaulos
gebräuchlich.
In der modernen Literatur findet sich häufig die Bezeichnung
Doppelflöte;
dies ist jedoch unzutreffend, da spätere Abbildungen - vor allem
Vasenbilder
- eindeutig belegen, daß es sich um Rohrblattinstrumente, also
Oboen
oder Klarinetten, handelt.
Alle kykladischen Statuetten wurden, soweit archäologisch dokumentiert, paarweise in Gräbern gefunden, meist im Fundzusammenhang mit Schalen. Daher ist anzunehmen, daß die Musik der Kykladenkultur im Zusammenhang mit Gelagen beim (Toten-?)kult gesehen werden muß. Abbildungen aus Werner Eckschmidt, Die Kykladen. Minoisch/mykenische MusikinstrumenteDas wichtigste Dokument für die minoisch-mykenische Musikwelt ist uns in dem berühmten Sarkophag aus Hagia Triada überliefert, der einer der "Highlights" im Museum von Heraklion (Kreta) ist. Seine beiden Langseiten zeigen Musikanten mit den beiden wichtigsten Instrumenten - Doppelaulos und Leier - im Zusammenhang mit einer großen Kulthandlung zu Ehren einer Gottheit, die am rechten Ende der einen Langseite in Gestalt einer Statue anwesend ist.
Der Sarkophag von Hagia Triada ist der einzige
Beleg für Blasinstrumente
in minoisch-mykenischer Zeit. Der Musikant spielt ein
Rohrblattinstrument
mit einem auf das linke Rohr aufgesetzten Schalltrichter. Für
dieses
Instrument werden in römischer Zeit die Begriffe "Elymos"
oder "phrygische
Flöte" gebräuchlich. Die Überlieferungslücke von
fast
anderthalb Jahrtausend stellt ein Phänomen dar.
Das wegen seiner Vogelschnabelverzierzung auch Schwanenhalsleier genannte Instrument findet sich noch auf weiteren minoisch/mykenischen Denkmälern: einem weiteren, fragmentierten Fresko aus dem Palast von Hagia Triada, dem berühmten "Sängerfresko" aus dem Palast von Pylos (Peloponnes) und einer Pyxis in Chania. Die Musikinstrumente des ägäischen Raumes unterscheiden sich bereits im 2. Jt. v. Chr. wie auch in späterer Zeit morphologisch und in ihrer Verwendung deutlich von denen der benachbarten Kulturen im Orient und Ägypten. So spielen etwa Rhythmusinstrumente im Gegensatz zum Orient währen der gesamten Antike nur eine untergeordnete Rolle, in klassischer Zeit z. B. im östlich beeinflußten Dionysoskult und als Fraueninstrument. Eine Ausnahme findet sich auf der minoischen Schnittervase (ca. 1500 v. Chr.). Auf ihr ist ein Zug von Erntearbeitern dargestellt, in deren Mitte sich vier Sänger befinden, von denen einer ein ägyptisches Sistrum spielt. Das ‚fremde‘ Instrument läßt sich mit dem Einfluß ägyptischer Saisonarbeiter auf Kreta erklären. In Ägypten ist das Sistrum eng mit dem Kult der Hathor verbunden, während es hier als Begleitinstrument zum Gesang der sich in ihrer Physiognomie von den anderen Prozessionsteilnehmern unterscheidenden Sängern dient. Gegen
Ende der mykenischen Zeit ist ein Verfall der Musik zu beobachten,
links
auf der Scherbe aus Tiryns erkennbar an der Reduzierung der Saiten von
sieben auf drei. Die geschwungenenen Seitenarme sind eine Stilisierung
der Schwanenhals-Verzierung. Abbildungen nach Maas, M./ McIntosh Snyder, J., Stringed
Instruments
of Ancient Greece (1989) Im Verlag Dr. H. H. Driesen ist jüngst eine Studie zur
ägäischen Bronzezeit erschienen, die sich u. a.
ausführlich mit den leierspielenden Affen auf Fresken aus Akrotiri
beschäftigt:
Das "dunkle Zeitalter" und die Musikinstrumente in geometrischer Zeit
Im Laufe des 7. und 6. Jh. v. Chr. entwickeln sich die Musikinstrumente, welche für die gesamte Antike kanonisch werden. Die wichtigsten Instrumententypen sind der Aulos und die verschiedenen Formen der Leier. Abbildungen nach Maas, M./ McIntosh Snyder, J., Stringed Instruments of Ancient Greece (1989) und Max Wegner, Musikleben der Griechen Saiteninstrumente Leier Die Leier läßt sich in folgende Untertypen einteilen:
Im
5. Jh. v. Chr. taucht mit der Wiegenkithara, genannt nach ihrem
hufeisenförmigen Schallkörper,
ein Nachfolger der geometrischen Phorminx auf, der meist von Frauen
gespielt
wird.
Harfe Nachdem die Harfe bereits im 3. Jt. v. Chr. im ägäischen Raum bekannt war, geriet sie in Vergessenheit und taucht erst gegen 450 v. Chr. als ein (fast) nur von Frauen gespieltes Instrument wieder auf (Abb. rechts). Im Gegensatz zu den im Orient gebräuchlichen Bogen- und Schwebeharfen handelt es sich im Griechischen ausschließlich um Winkelharfen, welche man in Bügel- (rechts), Spindel- und Stützenharfen einteilen kann. Folgende antike Namen lassen sich mit der Harfe verbinden: Epigoneion, Magadis, Pektis, Psalterion, Sambyke, Simokon und Trigonon. Mit der Ausnahme des Trigonons (= Dreiecksharfe) läßt sich keiner der Begriffe einer bestimmten Harfenform zuordnen. Die Harfe findet sich meist auf Frauengemach-. und Brautszenen, zuweilen können auch die Musen als Göttinnen der Musik und des Gesangs mit der Harfe musizieren.
Laute Die Technik,
die Tonhöhe bei Saiteninstrumenten mittels eines Griffbrettes zu
verändern,
nahmen die Griechen und Römer nicht wahr, ganz im Gegensatz zu
Ägypten,
wo die Laute schon ab der Hyksoszeit (Mitte des 2. Jt. v. Chr.) vor
allem
als Instrument für Frauen eine Rolle spielte. Die Möglichkeit
war ihnen jedoch theoretisch bekannt, da von Pythagoras berichtet wird,
er habe durch Versuche auf dem Monochord das Verhältnis der
Zahlen in der Musik (z. B. Oktave =2:1, Quinte = 3:2, Quart =4:3 usw.)
bestimmt. Aus hellenistischer Zeit (2.-3. Jh. v. Chr.) sind einige
Lautenspielerinnen darstellende Terrakottastatuetten erhalten (Abb.
links: London, BM 1919.6-20.7).
Das wichtigste Blasinstrument der alten Griechen war der Doppelaulos, welcher schon im 3. und 2. Jt. im ägäischen Raum gebräuchlich war. Ab 700 v. Chr. tritt er seinen Siegeszug im Mittelmeerraum an und wird neben der Leier zum wichtigsten Musikinstrument. Er wird immer gedoppelt gespielt. Häufig wird er fälschlicherweise als "Doppelflöte" bezeichnet, nach Ausweis der zahlreichen Vasenbilder handelt es sich jedoch eindeutig um Rohrblattinstrumente. Der Unterschied besteht darin, daß der Luftstrom bei der Flöte über einer Kante gebrochen wird, während bei Rohrblattinstrumenten durch die Schwingung der Blättchen im Mundstück die sich davor befindliche Luftsäule in Schwingung gebracht wird. Instrumente mit einfachem Rohrblatt nennt man Klarinetten-, solche mit doppeltem Rohrblatt Oboeninstrumente. Vieles spricht dafür, die antiken Auloi als Oboen zu klassifizieren. Möglicherweise wurden beide Mundstücke benutzt, wobei es wahrscheinlich erscheint, daß das leichter zu spielende Klarinettenmundstück insbesondere von Frauen und Kindern benutzt wurde. Der Aulos wurde in allen Bereichen eingesetzt: Mythos, Kult, Wettbewerb, Schulszenen etc. Er wird durchwegs im Stehen gespielt. Manchmal verwenden Berufsmusikanten eine sog. Phorbeia, eine um den Kopf geschlungene Binde, welche den Mundraum dicht abschließt und zur Verbesserung der Atemtechnik vonnöten war. Siehe auch den Beitrag Das Nachleben der antiken Aulosmusik in der europäischen und türkisch-arabischen Musik. Die
Salpinx besteht aus einem langen Rohr, welches sich am Ende
glockenförmig
erweitert und entspricht einer modernen Trompete. Sie wurde vor allem
als
militärisches Signalinstrument eingesetzt. Bei den Spielen, z. B.
den Panathenäen oder den olympischen Spielen, diente sie auch
dazu,
die Wettkämpfe einzuleiten.
Die
Syrinx hat im ägäischen Bereich eine lange Tradition
und war schon im 3. Jt. v. Chr. bekannt. Sie besteht aus mehreren
Pfeifen,
welche meist in einem Winkel von 45o angeblasen werden. Die
unterschiedliche Tonhöhe entsteht entweder durch verschieden lange
Pfeifen oder durch Auffüllen der Rohre mit Wachs. Als mythischer
Erfinder
der Syrinx gilt Hermes, der das Instrument seinem Sohn Pan, dem Gott
der
Hirten, überließ. So findet sich das Instrument meist im
bukolischen
Bereich. Schon bei Homer (Ilias XVIII 526) erfreuen sich die Hirten am
Spiel der Syrinx.
Eine gute Seite zur Geschichte der Orgel finden Sie hier. Rhythmusinstrumente
Würzburg, Martin von Wagner Museum L
213, att. sf.
Amphora, Rhythmusinstrumente spielten währen der gesamten griechischen Antike, im Gegensatz zum Orient, nur eine geringe Rolle und finden ab dem 6. Jh. v. Chr. fast nur im dionysischen Bereich und beim Symposion (Umtrunk) sowie dem daran anschließenden Komos (fröhliches Treiben der Zecher) Verwendung. Sie werden fast durchgehend von Frauen gespielt. Die wichtigsten Instrumente sind die Krotala, Kymbala und das Tympanaon. Tympanon Das Tympanon ist eine zweifellige Rahmentrommel im Kult des Dionysos und wird meist von Frauen gespielt.Krotala Krotala sind paarweise gespielte, den modernen Kastagnetten vergleichbare Klanghölzer mit verdicktem Ende und werden meist von Frauen beim Symposion/Tanz oder von Mänaden im dionysischen Bereich gespielt.Kymbala Kymbala sind eherne Schallbecken und werden selten gespielt. Sie finden sich meist im Kult von Frauengottheiten (Athena, Artemis, Persephone) und haben wohl einen Unterweltsbezug.Glöckchen (kwdwn, kodwnion) Glöckchen finden sich meist im Kult weiblicher Gottheiten. Ihnen wird eine apotropäische Wirkung zugeschrieben.
Ein leiterförmiges Instrument auf unteritalischen Vasen Bei dem kleinen, leiterförmigen Gebilde, welches nur auf unteritalischen Vasen des 4. Jh. v. Chr. in Frauengemachszenen auftaucht, ist die Interpretation als Musikinstrument nicht ganz sicher. Es wird als Xylophon oder apulisches Sistrum gedeutet, die Vasenbildern zeigen das Instrument jedoch selten in gerade gespieltem Zustand. Die von Max Wegner (Musikleben der Griechen [1949] 66) vorgeschlagene Deutung als Xylophon ist abzulehnen, da bei einem solchen Instrument die Plättchen mit überstehendem Ende frei schwingbar gelagert sein müssen, um zu tönen. Eine rotfigurige Lekythos in Essen (74. 158 A 3, Abb. links) zeigt, wie eine Frau mit den Fingern über das Gerät streift. Daher dürfte es sich um ein Instrument mit drehbaren Blättchen gehandelt haben, das schwirrende Töne von sich gab. Die Deutung als "apulisches Sistrum" ist aufgrund des Vasenbildes ebenfalls abzulehnen, Eine vergleichbares Instrument findet sich auf einer wesentlich früher (9.-8. Jh. v. Chr.) zu datierenden Elfenbeinpyxis aus Nimrud. Dargestellt ist im Rücken einer thronenden Frau (Göttin?) ein Zuge von Musikantinnen. Er wird angeführt von zwei Doppelaulosspielerinnen und einer Tamburinspielerin mit langen Gewändern. Den Abschluß bilden zwei kurzbekleidete Frauen, die aufgrund der Beinstellung als Tänzerinnen zu erkenne sind. Sie spielen jeweils ein leiterförmiges Instrument, das dem (wesentlich späteren) unteritalischen stark ähnelt. Es besteht ebenfalls aus einem massiven Rahmen mit "Sprossen", die mit der Hand bestrichen werden. Interessanterweise wird das Instrument in dieser frühen Zeit und in dem völlig andersartigen Kulturraum ebenfalls von Frauen gespielt. Musikantinnen sind im östlichen Kulturraum - im Gegensatz zum griechischen, schon seit frühester Zeit überliefert. - Die Überlieferungslücke von über 400 Jahren stellt, wie auch beim Elymos, ein Phänomen dar. Als Name wurde häufig das bei Pollux 4, 60 erwähnte Saiteninstrument Psithyra vorgeschlagen. Für ein Saiteninstrument sind die "Sprossen" allerdings zu dick.
London, BM, Elfenbeinpyxis aus Nimrud, 9.-8. Jh. v. Chr. Nach R. D.Barnett, A Catalogue of the Nimrud Ivories in the British Museum (1957) Taf. 16-17.
Abbildung nach Neubecker, A.J., Altgriechische Musik (1977)
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Papyrus Vindob G 2315, ca. 180 v. Chr. (Nach Antike Welt 31, 2000, 271 Abb. 5). Das Fragment zeigt einen Ausschnitt der Orestie des Euripides (338-344). Die Gesangsnoten sind in den Text eingefügt, die Instrumentalnoten befinden sich darüber.
Letzte Aktualisierung am 3. August 2009 Falls Sie von einer Suchmaschine hierher geleitet wurden, klicken Sie hier, um zur Startseite zu gelangen. |